Quelle: indymedia - 19.5.2003
Proteste in Berlin-Friedrichshain weiten sich aus
Nach der Räumung von fünf Wohnungen in einem Hausprojekt in der Rigaer Straße vor knapp zwei Wochen scheint sich der Protest in Berlin-Friedrichshain auszuweiten. So klagen Bewohner des Bezirks nicht nur über eine unerträgliche Polizeipräsenz, sondern über einen immer weiter fortschreitenden Verdrängungsprozess, der vor allem ärmere Bewohner des "Szenebezirks" vertreibt. Doch die wehren sich immer mehr.
Berlin-Friedrichshain ist das "was Mitte und Prenzlauer Berg einmal waren: ein Freiraum für verschiedene junge Szenen", beschreibt eine Anwohnerin die Situation. Nach den "legendären Hausbesetzern" der frühen neunziger Jahre seien viele junge Leute verschiedenster Couleur in den Kiez gezogen, weil hier die Mieten billig und die Entfaltungsmöglichkeiten groß gewesen seien. Das führt auch Patric (31), der seit fünf Jahren hier lebt, aus. "Der Charme des Verfalls und der alternative Flair – das ist was die Leute suchen. Doch dieser Flair ist in Gefahr". Als er hierher kam gab es fünf Kneipen in der Simon-Dach-Straße, mittlerweile sind es 27. Und eine sieht wie die andere aus. Von Monokultur ist die Rede, wenn man sich umhört. Und von Verdrängung.
Zauberwort Media-Spree
Marius (25), Sprecher einer Initiative, die sich "Abenteuer leben!" nennt, macht auf den Zusammenhang von Subkultur und Gentrification aufmerksam. "Große Konzerne wie MTV und Universal lieben ja die junge, kreative Atmosphäre hier. Wenn das Mediaspree-Projekt erst einmal umgesetzt ist, werden wir unseren Kiez nicht mehr wiedererkennen, geschweige denn die Mieten bezahlen können". Mediaspree das ist das Zauberwort der Investoren. Nachdem der Medienkonzern Universal seine Zentrale an die Spree verlegt hat, lassen MTV und andere nicht lange auf sich warten. Neben dem Bau einer Mehrzweckhalle für 18000 Zuschauer - der mit der Schließung mehrerer Clubs ein Loch ins Berliner Nachtleben geschlagen hat - sind knapp ein dutzend weitere Großprojekte geplant. Wird die Räumung Rigaer Straße also Kristallisationspunkt für den Bezirk sich gegen die Gentrification zu wehren? Marius von der Initiative "Abenteuer leben!" sieht das so. Es sei doch der Anfang vom Ende, wenn mit den Hausbesetzern die Pioniere der Subkultur vertrieben würden. Gegen den Verdrängungsprozess müsse jetzt entgegen gesteuert werden.
Ein Kiez gegen die Gentrification
Die Gentrification - also die Umwandlung von armen Wohngegenden in Viertel
für die gehobene Mittelklasse – ist ein Prozess der sich, wenn
auch schwer, aufhalten lässt. So fordert denn auch die Initiative neben
dem Erhalt der Hausprojekte eine soziale Mietpreisbindung für den gesamten
Bezirk. Daneben solle ein spontan von unten organisierter "Kiezkultursommer"
mit Straßentheater, öffentlichem Kino, illegalen Parties, Straßenfesten
und vielem mehr zeigen, dass die Bewohner des Bezirks sich nicht einfach verdrängen
lassen, führt Marius weiter aus. Umsonst, draußen und dagegen,
das sei das Prinzip dieses Protestes. "Wir müssen jetzt alle selbst den
Arsch hochkriegen", glaubt auch Patric. "Wenn jeder irgendetwas macht, das
sich gegen die Umstrukturierung richtet, dann haben wir eine Chance."
Das sieht auch Claudia (22) so: "Niemand hat Lust darauf noch mehr Miete zu
bezahlen – und alle lieben diesen Kiez. Das ist eine gute Grundlage
für mehr bunte und kreative Proteste". Marius von "Abenteuer leben!"
gibt sich kämpferisch: "Gentrification heißt Verdrängung -
und wir lassen uns nicht verdrängen!" So waren denn die letzten Wochen
von Protesten und überdimensionierten Polizeieinsätzen erfüllt
. Die HausbewohnerInnen der Rigaer Straße organisierten mehrere Demonstrationen
und Sympathisanten des Hausprojektes halten seit Tagen das Bezirksbüro
der PDS besetzt. Weitere Aktionen verschiedenster Initiativen und Individuen
sind schon in Planung. Es könnte ein heißer und bunter Sommer im
Friedrichshain werden.
Weitere Aktionen
Dienstag, 20. Mai 2003: Anti-Hubschrauber-Demo "Abenteuer leben statt Hochglanz
zahlen!" um 18 Uhr auf dem Boxhagener Platz.
Mehr Infos: http://www.friedrichshain.tk
Freitag, 23. Mai 2003: Aktionstag für selbstbestimmte wilde freie Wohn-
und Lebensräume 11-17 Uhr Brunnenstraße 7 / Berlin-Mitte Ab 18
Uhr im Friedrichshainer Nordkiez
Mehr Infos:
Initiative "Abenteuer leben!" --> http://www.friedrichshain.tk
Rigaer Straße 94 --> http://www.rigaer94.squat.net
Mediaspree-Projekt --> http://www.mediaspree.de